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Vogelkot und Nachbarbett

Geschrieben von Marcel Eichenseher
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Was treibt einen Teltower in die große, weite Welt und was erlebt man als Rucksacktourist wirklich? Marcel Eichenseher erfüllte sich seinen Traum und reiste 363 Tage lang als Rucksacktourist durch Südamerika. Während dieser Zeit berichtet er seine Eindrücke und Erlebnisse per Email an die Verbliebenen in der Heimat. Nach seiner Rückkehr entstand dieser witzige und unterhaltsame Reisebericht, in dem er beschreibt was es heißt, alle Verpflichtungen hinter sich zu lassen und ein ganzes Jahr sein persönliches Abenteuer zu leben. Illustriert mit unzähligen bildgewaltigen Fotografien nimmt er den Leser mit auf die Reise.

Lesen Sie wöchentlich eine neue Episode aus dem Reisebericht: „Per Email durch Südamerika - Geschichten einer Rucksackreise" (Reiseübersicht).

19. Vogelkot und Nachbarbett

160 Tage unterwegs, Lima - Peru, 25-07-2005

Mahlzeit alle zusammen!

MännerromantikHeute mal wieder ein Kurzüberblick der letzten Woche. Von Huaraz ging es noch einmal zu einem 4-Tages-Trek (Quebrada Quilcayhuanca) ... war richtig romantisch mit Lagerfeuer und so. Die Schneegipfel um einem herum leuchteten im Mondschein und das "Kreuz des Südens" prangte am Sternenhimmel. Nachts war es lausig kalt und neben einem liegt nur so ein schon vor sich hin muffelnder Kumpel. Morgens war dann das Zelt komplett vereist und beim Zähne putzen am Bach wollte einem fast die Keramik im Mund splittern. Männerromantik!

FederviehNach dem Trek ging es nach Pisco - vier Stunden südlich von Lima. Im benachbarten Nationalpark gibt es die größte Konzentration an Seevögeln in der Welt. Hallo - ich hab noch nie so viel Federvieh und vor allem Scheiße gesehen. Mit dem Speedboot fährt man 20 km vor die Küste zu wild-zerklüfteten felsigen Inseln - kein Grün, nur Vögel, Seehunde, Pinguine und Schei... - ein Meter pro Jahr(!) Dufte Sache!

Anschließend waren die sechs Wochen Urlaub meines Kumpels Carschti auch schon um. Ich habe ihn in Lima wieder in den Flieger gesetzt und muss jetzt wieder alleine klarkommen. Als ich vom Fliegerflughafen zurück ins Hostal kam, hatte man mir zwischenzeitlich eine alleinreisende hübsche Schweizerin ins Nachbarbett gelegt ... Keine falschen Schlüsse bitte - ich wollt nur schildern, was einem so passieren kann, wenn man "nach hause" kommt!

Wie geht es jetzt weiter?
Keine Ahnung. Habe zwischenzeitlich jede Menge Tipps bekommen, die ich erst einmal sortieren muss. Werde es mir in meiner herrlich heruntergekommenen Unterkunft "gemütlich" machen, die Landkarte ausbreiten, die Reiseführer studieren und etwas zur Ruhe kommen (... und vielleicht schaffe ich es ja auch endlich mal "Schuld und Sühne" von Dostojewski zu Ende zu lesen. Quäle mich schon seit Wochen mit diesem Buch.)

bis denne
Euer Marcel

 

20. Tuk Tuk´s in Peru

169 Tage unterwegs, Iquitos - Peru, 03-08-2005

Mahlzeit!

Bevor ich morgen mit meiner Hängematte die Bootsfahrt von Iquitos/Peru nach Ecuador antrete, wollte ich noch schnell einen Lagestandsbericht abgeben. Werde nämlich bestimmt eine Woche fern von jedem Internetcafe unterwegs sein.

Chan ChanMein letztes Lebenszeichen gab ich Euch ja in Lima. Mit der Schweizerin aus meinem Nachbarbett war ich noch richtig einen saufen - von 19.00 Uhr bis morgens um 1.30 Uhr. Scheiße tat das gut! Ich glaube, sie hieß Brigitte. Mit meinem Kumpel Carschti hab ich so was in den vollen sechs Wochen nicht hinbekommen.

Mit frisch formatierter Gehirnfestplatte ging es weiter Richtung Norden nach Trujillo. Die Gegend ist voll mit archäologischen Ausgrabungen - unter anderem der Stadt Chan Chan aus der Zeit vor den Inkas. Damals war es wohl die größte Stadt der Welt mit 10.000 Gebäuden und 60.000 Einwohnern. Heute ist es nur noch der weltgrößte Trümmerhaufen. Wenn einem keiner sagen würde, dass es sich um eine uralte Stadt handelt, würde man glatt vorbeifahren, obwohl ein paar Mauern wieder ganz passabel hergerichtet wurden.

KatjaIn einem kleinen Café in der Innenstadt von Trujillo wurde ich dann mal wieder etwas um mein Reisegepäck erleichtert. Mein Daypack (kleiner Tagesrucksack) bekam Beine, aber zum Glück war nix wirklich Wertvolles drin (kein Geld, Papiere oder Kamera). Die deutsche Katja (23 Jahre jung und alleinreisend) regelte das im perfekten Spanisch mit dem Polizeiprotokoll. Der Franzose, der vor uns seine „Verlustmeldung" protokollieren ließ, wurde Opfer, als sein Nachtbus komplett durch eine bewaffnete Bande ausgenommen wurde. Es gibt immer Leute, die es noch schlimmer trifft.

Gemeinsam mit Katja ging es nach Iquitos im Nordosten Perus. Diese Stadt am Amazonas ist nur per Flugzeug oder auf einer mehrtägigen Bootsfahrt zu erreichen. Wir nahmen den Flieger, da wir vorhatten von dort mit dem Boot nach Ecuador zu reisen. Iquitos liegt mitten im Dschungel und hat die meisten dreirädrigen Motorradtaxis der Welt - so ähnlich wie die Tuk Tuk's in Asien.

Tuk Tuk Reparatur Durch die plötzliche Klimaumstellung ist man völlig aufgequollen. Wir haben heute schlappe 37 °C gehabt. Morgens sehe ich aus wie Quasimodo. Da hilft nur Eis. Abends sitzen wir mit den Füßen in einer eisgekühlten Schüssel und die Gedärme werden mit eisgekühltem 7-jährigen Havanna Club (weißer Rum) versorgt.

Heute waren wir auf einer benachbarten Schmetterlingsfarm mit allerlei Tieren. Wir haben uns die Haare von Affen entlausen lassen und mussten es ihnen gleich tun. Ist echt nicht einfach mit diesen Burschen, denn ehe man sich versieht, ist man Brille, Ohrstecker, Kamera etc. los. War aber auch echt schön mit seinen Urahnen rumzuspielen.

IquitosAffe Den Dampfer nach Ecuador haben wir uns auch schon mal angesehen. Ich muss Euch enttäuschen; kein Moondeck, kein Pool, keine Liegestühle, keine Bar... nur ein Klumpen Schrott, der auf dem Amazonas treibt und Güter und Menschen transportiert. Freu mich aber schon riesig drauf! Bei Katja bin ich mir nicht so sicher. Sie hatte mehrere Monate auf einem Nobeldampfer bei den Galapagos Inseln gearbeitet und wollte sich heute eine Klobrille für die bevorstehende Bootsfahrt kaufen. Anfänger!

So, dann seid mal wieder alle lieb gegrüßt.
Euer Marcel

Heute gibt es auch mal wieder ein paar Bilder aus Katjas Digitalkamera. Eventuelle Ähnlichkeiten sind rein zufällig.

 

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