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Hexenmarkt und Straßensperre - Unterwegs in Bolivien

Geschrieben von Marcel Eichenseher
Unterwegs in Bolivien

Was treibt einen Teltower in die große, weite Welt und was erlebt man als Rucksacktourist wirklich? Marcel Eichenseher erfüllte sich seinen Traum und reiste 363 Tage lang als Rucksacktourist durch Südamerika. Während dieser Zeit berichtet er seine Eindrücke und Erlebnisse per Email an die Verbliebenen in der Heimat. Nach seiner Rückkehr entstand dieser witzige und unterhaltsame Reisebericht, in dem er beschreibt was es heißt, alle Verpflichtungen hinter sich zu lassen und ein ganzes Jahr sein persönliches Abenteuer zu leben. Illustriert mit unzähligen bildgewaltigen Fotografien nimmt er den Leser mit auf die Reise.

Lesen Sie wöchentlich eine neue Episode aus dem Reisebericht: „Per Email durch Südamerika - Geschichten einer Rucksackreise" (Reiseübersicht).

15. Alles wird gut

117 Tage unterwegs, LaPaz - Bolivien, 12-06-2005

Hallo alle zusammen!
Ich kann Euch sagen, die letzte Woche war ziemlich nervenaufreibend. Bolivien ist um Haaresbreite an einem Bürgerkrieg vorbeigeschlittert. Es ist schon Blut geflossen, da kam ziemlich überraschend vor drei Tagen die Wende. Ich will Euch nicht mit politischen Einzelheiten langweilen - ist auch nicht auf die Schnelle zu erklären. Ich für meinen Teil bin mit dem Flieger quasi in letzter Minute noch aus der Hauptstadt Sucre rausgekommen und saß dann in Cochabamba - dem Zwischenstop nach LaPaz - fest.

Annehmlichkeiten mit vier Sternen Es ging gar nix mehr - weder über Land noch durch die Luft. Überall Militär, überall gewalttätige Demonstrationen und eine Lösung schien nicht in Aussicht. Die Fluggesellschaft hat mich netterweise in einem 4-Sterne-Hotel untergebracht und so konnte ich mir die schöne Schei... wenigstens vom Bett aus in der Glotze ansehen. Das Auswärtige Amt hatte zu diesem Zeitpunkt Reisende zum Verlassen des Landes aufgefordert - die sind lustig, ich hatte nix anderes mehr vor.

Aber dann hat sich ja alles beruhigt und ich kam doch noch nach LaPaz. Hier schien ich der einzigste Ausländer zu sein - alle waren geflohen. Ich hatte als Unterkunft ein unter Rucksackreisenden beliebtes Hostal gewählt und kam mir mächtig alleine vor, doch mittlerweile sieht man wieder ein paar Bleichgesichter in der Stadt.

LaPaz LaPaz liegt in einem Tal auf 3.600 m Höhe, eingerahmt von schneebedeckten Bergen. Die größte Stadt des Landes hat eine Million Einwohner und wirkt im Vergleich zur weißen Stadt Sucre etwas runtergekommen. Aber auch hier gibt es "Oasen". Die Märkte sind das Exotischste, was ich bisher in diesem Land gesehen habe. Getrocknete Lamaföten und aufgeblasene, getrocknete Frösche mit bunten Perlen in den Augenhöhlen und allerlei Tier- und Kräuterkram gibt es auf dem Hexenmarkt.

Es macht Spaß hier durch die Straßen zu ziehen. Die Straßenblockaden auf den Überlandstrecken werden derzeit geräumt, sodass es wohl in ein bis zwei Tagen wieder ganz normal mit dem Bus weiter gehen kann. In ein paar Stunden hol ich meinen Kumpel Carschti aus Old Germany vom Flieger ab und dann werden wir gemeinsam weiter sehen.

thumb_179_film19_33.jpg Entschuldigt, wenn ich Euch keine tollen Aktivitäten der letzten Woche schildern kann, aber mein Handlungsspielraum war aufgrund der Situation im Land doch etwas eingeschränkt. Für mich waren die Tage allerdings aufregend genug, fast etwas zu viel für meinen Geschmack. Waffen- und Uniformfetischisten unter Euch wären voll auf ihren Geschmack gekommen.

Danke an alle, die mir in dieser Situation die Daumen gedrückt haben.

bis denne
Euer Marcel

Immer wieder werde ich gefragt, was eigentlich die Hintergründe für die Unruhen in Bolivien waren. In den deutschen Medien fanden die Ereignisse damals wenig Beachtung.

Stadtansichten Bolivien, das Armenhaus Südamerikas, wird seit Jahren von Unruhen heimgesucht. Das Land ist reich an Bodenschätzen, doch die Bevölkerung ist bettelarm. Die internationale Erdölwirtschaft hat seit Ende der 90er Jahre rund 3,5 Milliarden Dollar in Bolivien investiert und fördert Rohstoffe ohne hierfür nennenswerte Zölle oder Steuern zu zahlen, welche der armen Bevölkerung zu Gute kämen.

Die Forderungen der Demonstranten sind sehr unterschiedlich. Einige wollen die Verstaatlichung der Öl- und Gasindustrie durchsetzen. Andere fordern mehr Rechte für die indianischen Ureinwohner. Die reichen Provinzen verlangen mehr Autonomie.

Bolivien steckte während meines Besuches in der schwersten Krise seit dem Herbst 2003, als die Regierung auf Druck der Straße gestürzt wurde und Carlos Mesa an die Macht kam. Bei seinem Amtsantritt sicherte er ein neues Gesetz im Bereich der Gas- und Rohölförderung zu, doch die folgende Untätigkeit der Regierung trieb die Bevölkerung erneut auf die Straßen. Angesichts der erneuten Proteste und Straßenblockaden bot Präsident Carlos Mesa seinen Rücktritt an und beantragte Neuwahlen. Dieser Antrag erlangte im Kongress jedoch nicht die benötigte 2/3 Mehrheit und wurde als „verfassungswidrig" erklärt. Die beiden Nachfolgekandidaten waren bei der Bevölkerung jedoch äußerst unbeliebt. Die Lage entspannte sich erst, als die beiden Kandidaten am Donnerstagabend des 09. Juni erklärten, auf das Präsidentschaftsamt zu verzichten und Neuwahlen angekündigt wurden.

Bis dahin war Bolivien von vier seiner fünf Nachbarländer durch Straßensperren abgeschnitten; nur die Überlandstraßen nach Brasilien waren noch offen. Der internationale Flughafen in LaPaz war von Demonstranten abgeriegelt und wurde gleichfalls bestreikt. Vereinzelt gab es Plünderungen und gewaltsame Übergriffe. Die Polizei setzte Schlagstöcke, Wuchtgeschosse und Tränengas ein. Das öffentliche Leben war praktisch zusammengebrochen. Die blutigen Unruhen in Bolivien hinderten etwa 100 Deutsche daran, dass Land zu verlassen. Ihre Ausreise sei „gegenwärtig kaum möglich", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin. „Eine Evakuierung wäre zur Zeit eine zusätzliche Gefährdung", betonte sie. Unter den ausreisewilligen Deutschen seien 32 Touristen.

Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich mit einem deutschen und einem schweizer Pärchen im Cesar´s Plaza - der nobelsten Absteige in Cochabamba! Für mich selbst wurde der Handlungsrahmen immer kleiner. Auf der Straße gab es immer mehr Militär, Regierungsgebäude wurden abgesperrt und die Fenster verbarrikadiert. Auf den Straßen lagen verbrannte Reifen und immer öfter nahm man Tränengas in der Luft wahr. Von Demonstrationen hielt ich mich grundsätzlich fern. Bei meiner letzten Überlandfahrt von Potosi nach Sucre fuhr der Bus bis zur Straßensperre. Die Passagiere stiegen hier aus, liefen durch die Volleyball spielenden Demonstranten und stiegen hinter der Sperre in den nächsten Bus wieder ein. Doch irgendwann fuhren gar keine Überlandbusse mehr. Mein Ziel, nach LaPaz zu kommen, um meinen Kumpel Carschti abzuholen, schien gescheitert, doch dann kam überraschend die Wende. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich an dem Abend der Entscheidung mit den beiden Deutschen und zwei Schweizern in einer kleinen Bar vor dem Fernseher saß und wir uns zur Feier des Tages ordentlich betranken. Die Gefahr war vorüber und die innere Anspannung löste sich endlich.

Zu meinem Kumpel Carschti, den ich wenige Tage später in Empfang nahm, noch ein paar Worte: Er kommt aus meiner Heimatstadt Teltow. Er besuchte dieselbe Schule wie ich, teilt denselben Freundeskreis und ist mein Retter in der Not, wenn mein Auto mal wieder an Rost-Lebra krankt. Carschti besuchte mich schon auf meinen letzten beiden Reisen in Afrika und Asien. Seit anderthalb Jahren nervte er mich mit der Frage: „Wann geht es mal wieder los?". Beide von uns sind auf der Suche nach ursprünglichen Begegnungen abseits der üblichen Touristenpfade, wie man es oftmals nur auf langen Trekkingrouten erlebt. Gemeinsame Erlebnisse schweißen zusammen und ich weiß, dass ich mich zu 100% auf ihn verlassen kann. Mit einem solchen Kumpel traut man(n) sich alles zu. 

Peru

Peru

Peru ist dreieinhalb mal so groß wie Deutschland, dafür haben wir Deutschen dreieinhalb mal so viel Einwohner. Die Hauptstadt Lima hat über 6 Mio. Einwohner.

Das Land ist arm, aber wegen der vielen Kulturgüter und der zum Teil atemberaubenden Landschaft, stark von Individualtouristen frequentiert. Abseits der großen Touristenzentren ist Peru äußerst preiswert.

16. Machu Picchu

127 Tage unterwegs, Cusco - Peru, 22-06-2005

Salute!
Als Zeichen, dass ich mir vermitteltes Wissen nicht einfach so für mich behalte, hier ein paar Infos von aufmerksamen Lesern aus dem Verteiler:

1. Die Osterinsel heißt so, weil sie am Ostersonntag des Jahres 1722 von einem Holländer namens Roggeveen entdeckt wurde.

2. Des weiteren habe ich die Info bekommen, dass gewisse Chileninnen (Name ist der Redaktion bekannt) beim Fehlen einer Badewanne auch auf heller Bettwäsche einen schönen Kontrast abgeben.

Jetzt zu meinen letzten Tagen:
Ich habe meinen Kumpel Carschti vorschriftsmäßig vom Fliegerflughafen LaPaz/Bolivien abgeholt. Von LaPaz ging es zwei Tage später mit dem Bus nach Copacabana am Titicaca-See (in Bolivien). Die Strecke war noch das reinste Chaos, da es lediglich eine schmale Spur durch die unzähligen Straßenblockaden gab.

187_film19_08.jpgNach der Großstadt LaPaz war das kleine Örtchen Copacabana eine echte Erholung. Da wir wohl den ersten Bus erwischt hatten, der nach den ganzen Unruhen überhaupt wieder hierher fuhr, gab es auch hier kaum Ausländer zu sehen. Wir haben uns ein tolles Hotel direkt am Strand genommen und vom Balkon im Rattansessel zugeschaut, wie die Sonne abends ins Wasser ditscht. Der Hotelbesitzer wollte uns eigentlich ein Zimmer mit Doppelbett andrehen und meinte, das wäre doch wärmer (nein! - wir cremen uns noch nicht gegenseitig den Rücken ein).

Titicaca-See Und na klar waren wir auch zur Isla del Sol (Sonneninsel) und natürlich war ich auch im Titicaca-See baden (war nur unwesentlich kälter als unsere Dusche im Hotel). Anschließend ging es schnurstracks nach Cusco in Peru, wo wir mittlerweile schon ein paar Tage sind. Die Stadt ist ... exzellent! Wir schauen uns jeden Tag andere Ruinen an. Ich kriege die schon gar nicht mehr auseinander gehalten. Manchmal denk ich, hier waren wir doch gestern schon. Nee, nee, ganz so ist es nicht! Gestern gab es dann die obligatorische Machu Picchu Visite (ausgesprochen: Matsch-Schuh Pitt-Schuh). Wer jetzt mit Machu Picchu nix anfangen kann, sollte dies lieber für sich behalten und bei Gelegenheit mal im Lexikon nachschauen.

Zu meinen Eindrücken vor Ort will ich mich gar nicht weiter äußern - es ist einfach einmalig und ist schwer mit etwas zu vergleichen (einzig der Querschiebervergaser von meinem Motorrad ist vielleicht ähnlich schön und fügt sich so perfekt ins "Ganze"). Zufällig war auch gerade Sommersonnenwende und so gab es ein einmaliges Naturschauspiel. Morgens fiel der erste Sonnenstrahl von einem kilometerweit entfernten Bergspalt durch ein bestimmtes Tempelfenster der Anlage auf einen Tempelstein. Nicht verstanden? - macht nix!

Allerdings gilt es nicht nur Gutes von derart touristischen Megahighlights zu berichten und dazu zählt die gnadenlose Abzockerei und Bescheisserei in und um Machu Picchu. Ursprünglich wollten wir ja den Inka-Trail dorthin machen (3 bis 5-Tage-Trek), doch darf dieser Trek mittlerweile nur noch mit einem Guide gemacht werden, wofür mindestens 200 US$ verlangt werden. Yuppie-Trekking sag ich Euch, mit Campingtisch und -stuhl, Vorsuppe zum Mittag und dem ganzen Unfug.

Inti Raimi Fest Die andere Variante um nach Machu Picchu zu kommen, ist den Zug zu nehmen, wobei für die 40 km stolze 40-80 US$ (hin+zurück) verlangt werden (Jointventure mit der Bundesbahn?). Der Eintritt macht dann noch einmal 25 US$ (oder man hat sich einen Studentenausweis "besorgt" und zahlt die Hälfte). Bei jeder Gelegenheit bekommt man dann Falschgeld angedreht, werden Fantasiepreise für Essen und Trinken verlangt usw. Aber keine Angst, dass kann meine Laune nicht trüben.

Übermorgen ist hier in Cusco das große Inka-Festival „Inti Raimi", aber eigentlich ist auch schon jetzt jeden Tag was los. Mal schauen, wie das so wird.

is denne
Euer Marcel

Machu Picchu Machu Picchu ist die bekannteste und wohl auch großartigste archäologische Stätte in ganz Südamerika und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die „Verlorene Stadt der Inka" wurde im 15. Jahrhundert auf einer Höhe von 2.500m am Steilhang zum Rio Vilcanota erbaut und ist umgeben von imposanten Bergen und Dschungel. Erst 1911 entdeckte man die von dichter Vegetation überwucherte Ruinenstadt. Die Qualität der Steinarbeiten und der Reichtum an Verzierungen lassen den Schluss zu, dass es sich um eine bedeutende Kultstätte gehandelt hat. In der Hochsaison besuchen täglich bis zu 2.000 Menschen die Anlage.

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