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Rendezvous mit dem Tod

Geschrieben von Redaktion

Rendezvous mit dem TodEs beginnt meist am Freitagabend und ist leicht zu erkennen. Er öffnet die Wohnungstür sanfter als sonst und statt eines schmetternden „Schnucki, dein Prinz ist da!" kommt nur ein klägliches „Ich bin´s!". Er ist soooooooooo krank. Mit hängenden Schultern schleicht er in die Küche. Schmerzverzerrt drückt er ihr ein dünnes Begrüßungsküßchen auf die Lippen. Auf die Frage, was denn los sei, kommt nur ein „Ich weiß es doch auch nicht. Ich glaube, da bahnt sich was an! Wahrscheinlich ansteckend."

Das Wochenende ist damit gelaufen. Er legt sich zum Sterben auf´s Sofa. Doch bis es soweit ist, muß noch einiges geregelt werden. Nein, eine Tablette will er nicht. Auch keine heiße Milch mit Honig. Am besten, sie lässt ihn einfach in Ruhe. Er starrt an die Decke und fühlt das Ende nahen. Vielleicht helfen ja eine Kuscheldecke und ein Action-Film auf ProSieben?? Diese alternativen Heilmethoden greifen ja eigentlich immer.

Sie schiebt ihm Aspirin und Lutschtabletten in greifbare Nähe. Sie huscht aus dem Zimmer und er läßt sein Leben an sich vorbei ziehen. Er hatte noch so viel vor! Endlich den Keller aufräumen, mal wieder Moped fahren, mit dem Kumpel auf ein Bierchen und ihren Lieblingsteller wollte er auch kleben. Nun fehlt ihm die Kraft und er versinkt in seine vielen unausgelebten Träume, die nur von Werbesequenzen und dem Geballere im Fernseher unterbrochen werden.

Sie fragt freundlich, ob sie irgendetwas für ihn tun kann. Er ist entsetzt: aktive Sterbehilfe ist doch in Deutschland verboten. Sie setzt sich dennoch zu ihm und tätschelt seine Stirn. Die ist weder kalt noch heiß. Sein Blick schreit: „Diese schwere Erkrankung ist noch nicht erforscht. Mich hat es leider als ersten erwischt." Sie grinst und geht einkaufen.

Mit leerem jammervollen Blick schaut er ihr hinterher. Wie gut sie aussieht! Und wie gesund sie ist. Kommt sie ohne ihn zurecht? Noch immer kann sie keinen Zweitakter- vom einem Viertaktmotor unterscheiden, noch immer ist rechts und links ein Problem für sie. Und das Vorhängeschloß im Keller kriegt sie auch nicht auf. Wer wird ihre Armbänder suchen und ihre Ketten reparieren? Wer parkt für sie rückwärts ein? Wer bringt ihr den morgendlichen Cappuccino ans Bett? Er wird es nicht mehr erleben. All das wird ohne ihn stattfinden. Kann er sie wirklich allein lassen? Mutterseelenallein? Ist sie soweit? Tränen steigen ihm in die Augen.

Sie kommt voll beladen vom Einkauf zurück und packt sich zu ihm auf´s Sofa. Sie trinkt ein Bier und futtert Pizza. Mütterlich streicht sie ihm mit klebrigen Fingern durch das verschwitzte Haar. Mühsam hebt er den Kopf und fällt stöhnend zurück aufs Kissen. So ein Abschiedsbierchen ist gar nicht so blöd. Es wäre doch schön, wenn sie sich an den letzten gemeinsamen Abend lange, ach was - ihr Leben lang erinnern wird. Er reißt sich mit der ganzen ihm verbliebenen Kraft zusammen, trinkt 5 Bier, verschlingt eine Pizza und 10 Kinderriegel.

Am nächsten Morgen wacht er wider Erwarten auf. Er hat nicht mehr daran geglaubt. Er verschwindet im Klo und sie kocht für beide einen leckeren Cappuccino. Ihm ist übel, aber immerhin: er ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Er ist eben ein richtiger Kerl und das Rückwärtseinparken überlässt sie auch in Zukunft lieber ihm.

Mandy Wolf

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