myrego - Das regionale Stadtmagazin für Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf
Marathonshopping in der Schloßstraße
Ihr stellen sich alle Haare zu Berge. Dieser Satz riecht nach Beziehungskrieg. Sie beschließt, sich zusammen zu reißen. Schließlich ist die Schloßstraße lang und zur Not kann sie sich verdrücken. Schnell bastelt sie sich ihre eigene kleine schnuckelige Einkaufsliste, die schlagartig ihre Laune hebt. Sie machen sich auf den Weg. Kurz hinter Potsdam knurrt er über den Scheiß-Samstagsverkehr und die bekloppten komsumverseuchten Deutschen. Mit einem seltsamen Gefühl im Bauch marschiert sie mit ihm Hand in Hand in sein Einkaufsparadies. Sie erwartet den Geruch von Abenteuer und wilden Tieren. Stattdessen treffen sie auf sportliche Jack Wolfskin-Kleinfamilien, dynamische Paare in Trekking-Outfit und einige gelangweilte Weltenbummler. Er ist zu allem entschlossen und für jedes Wagnis gerüstet. Er weiß genau, wo es lang geht. Als Kenner steuert er zielsicher die Überlebensabteilung an. Stirnlampen, Moskitonetze, Zahlenschlösser, ein Black Bear Minitool AL, saugfähige Mikrohandtücher, Campinggewürzstreuer - alles was man dringend benötigt, um den Stürmen des mitteleuropäischen Alltags zu trotzen. Doch heute sollen es auch Schuhe sein, Schuhe, die sein Leben bereichern, die als treue Freunde bei ihm sind, wenn seine Pfade nicht mehr ganz so eben verlaufen. Fachmännisch werden 4 Paar geprüft. Nur eines schafft es in die engere Auswahl. 2 Stunden und 40 Minuten sind vergangen. Der Verkäufer wird unruhig. Sehr viele Faktoren müssen in Ruhe durchdacht werden. Schaffen es diese Schuhe bis in den Himalaya? Kann man mit ihnen den Nil durchqueren? Sind sie ihm treu, wenn er durch die Wüste Gobi irrt? Halten sie zu ihm, wenn alle anderen bereits schreiend die schmelzenden Gletscher verlassen? Doch wie um alles in der Welt soll er eine solche Entscheidung treffen, wenn 150 Menschen um ihn herumschwirren? Dunkle Wolken brauen sich zusammen. Jetzt wird es Zeit, dass sie Land gewinnt... Er schaut unglücklich und erschöpft zu ihr auf. Gerne würde sie ihn jetzt in den Arm nehmen. Stattdessen klopft sie ihm kameradschaftlich auf die Schulter und flüstert zärtlich: „Hey, Du bist doch nicht allein! Ich bin mal für ´ne Dreiviertelstunde weg. Du brauchst ja sicher noch einen Moment". Sie kehrt nach 30 Minuten, einem Cappuccino To Go und mehreren Einkaufstüten fröhlich und ausgeglichen zurück. Er verweilt noch immer in der Schuhabteilung und treibt den Verkäufer mit einer engagierten Für-und-Wider-Diskussion in den sicheren Wahnsinn. Er nimmt die Schuhe dann doch und alle atmen auf. Auf dem langen Weg zur Kasse wird der bevorstehende Kauf noch ca. 10 x in Frage gestellt. Sie redet freundlich und mit wirklich guten Argumenten auf ihn ein und irgendwann stellen sie übereinstimmend und völlig überrascht fest: der Erwerb dieser Schuhe ist eine der besten Entscheidungen seines Lebens. Endlich ist es soweit, die EC-Karte flutscht durch das Lesegerät, mit zitternden Händen unterschreibt er den Beleg. Es ist vollbracht und ihm ist ein bisschen schlecht. Ihr auch, denn wie soll sie ihm das neue weiße Kleid, das dritte Paar rote Schuhe und die todschicke Kelly Bag beibringen? |
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