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Lügen und andere Wahrheiten

Geschrieben von Antje Martens
Lügen und andere WahrheitenAls sich ein Bekannter von mir letztens in Liebesschwierigkeiten befand, behauptete er tatsächlich, er könne den Frauen nicht mehr vertrauen, weil diese grundsätzlich verlogen seien. Wie könne das denn sein, warum sind die so, und warum trifft es immer ihn, den abgrundtief Ehrlichen?

Indirekt angegriffen, versuche ich seitdem sein Problem zu ergründen, da ich mit Allgemeinplätzen wie „Männer sind doch auch nicht besser" verständlicherweise bei ihm nicht weiter kam. Es half auch nicht zu erwähnen, dass nicht alles, was er nicht versteht, zwangsläufig auf Lügen basiert. Ich könnte jetzt die Psychoanalyse bemühen und über Enttäuschungen in seiner Vergangenheit spekulieren. Ich möchte aber doch lieber allgemein bleiben und dem Phänomen Lügen als solches auf den Grund gehen.

Es gibt bekanntlich sehr viele Arten davon- es gibt harmlose Lügen und niederträchtige, schwere und leichte, wobei diese Beurteilungen bei Lügnern, Belogenen und Außenstehenden jeweils sehr unterschiedlich ausfallen können.

Da gibt es den einen, der das als wahr erzählt, von dem er weiß, dass es ganz falsch ist. Ein anderer ist sich der Vielzahl verschiedener Wahrheiten so bewusst, dass er problemlos von einer in die andere wechseln kann- selbst wenn sie einander widersprechen. Ein dritter gibt sich ähnlich unschuldig und verschweigt einfach das, was wichtig ist, obwohl er weiß, dass er sein Gegenüber dadurch täuscht. Eines haben alle Lügner gemeinsam: Sie haben Angst, zur Wahrheit zu stehen, Angst vor den Konsequenzen, und sei es nur eine kurze Unbequemlichkeit. Wir alle lügen aus der Erfahrung: Wenn ich jetzt die Wahrheit spreche, werde ich darunter zu leiden haben. 

Sei es aus Faulheit (nein, schade, ich hab heut keine Zeit"), aus Ungeduld („nein, die Hose macht dich nicht fetter als du bist."), aus Leidenschaft („Ich finde nichts an dieser Frau!"), aus Eifersucht („er ist ein Schwein") oder aus Missgunst.
Man lügt auch, um andere Leute zu schonen. Wahrscheinlich, um sich für den anderen nicht verantwortlich fühlen zu müssen, nachdem man ihm eine grausame Wahrheit offeriert hat. Es gibt tausend Gründe zu lügen. Doch ist es immer eine Folge der eigenen Angst, also eine Schwäche. Aber ist es deswegen auch böse? 

Ich neige dazu, die allzu strikten Verfechter von Ehrlichkeit als naiv abzustempeln. Es fällt mir auch nicht schwer, noch einen Schritt weiter zu gehen und zu behaupten, diese Menschen seien oft schlicht Egozentriker, die keine Wahrheit anzuerkennen imstande sind als ihre eigene. Der Verdacht liegt nahe, da einige dieser Leute prinzipiell nicht bereit sind, Verständnis für dieses natürliche menschliche Phänomen zu entwickeln. Mangelnde Offenheit ist mir suspekt. Gänzlich unglaubwürdig aber erscheinen mir Menschen, die behaupten, es selbst gar nicht nötig zu haben und deswegen grundsätzlich nicht lügen. Da werde ich als Gelegenheitslügnerin doch sehr misstrauisch. Es ist nämlich so, dass ich mich guten Gewissens als einen verhältnismäßig ehrlichen Menschen bezeichne. Ich weiß, welche schweren Prüfungen demjenigen auferlegt sind, der Lügen als Schwäche erkannt hat und nun um seiner geistigen Entwicklung willen darum bemüht ist, sie in ihrer Entstehung zu entdecken und auf sie zu verzichten. 

Wenn ich also davon ausgehe, dass mein Bekannter selbst von seiner konsequenten Ehrlichkeit überzeugt ist, folgere ich, dass er es sich in einer Lebenslüge bequem gemacht hat, die seine Frauen ihm nun vorhalten wie Spiegel. Denn- im Gegensatz zu ihm, der darunter leidet, immer wieder rein zu fallen- der Ehrliche erkennt den Lügner. Nicht immer, und schon gar nicht immer sofort. Aber da er sich der Situationen bewusst ist, in denen eine Lüge verführerisch einfach erscheint, werden ihm solche Situationen auch bei anderen viel schneller klar und er lernt sie zu durchschauen. Die Kunst besteht darin, selbst so ehrlich und aufmerksam zu sein, dass die anderen es gar nicht wagen, einen anzulügen. Nicht der ist naiv, der sich anlügen lässt, und auch nicht der, der die Lüge übersieht, sondern der, der nicht damit rechnet. 

Den gekränkten Opfern bleibt zu bedenken: Es gibt immer einen Grund dafür, dass andere sich scheuen, euch die Wahrheit zu sagen. Und allein der taugt zur Bewertung. Wenn man sich auf diesen konzentriert statt auf die Schuld des Lügners, lern  man auch bald wieder zu vertrauen . Eine erkannte Lüge sagt viel über den aus, der sie verwendet, aber auch über das Bild  das der Lügner vom Belogenen hat. Auf diese Weise trägt sie dazu bei, Selbsterkenntnis und Vertrauen zu entwickeln und zu vertiefen.  

Ihr habt Angst, belogen zu werden? Dann fragt nicht und hört auch nie zu. Oder ihr rechnet mit dem Unvermeidlichen, nehmt es hin und lebt damit. Jemanden als „Lügner" zu beschimpfen bleibt ein hohles Totschlagargument: diesen Vorwurf kann selbst der Ehrlichste kaum widerlegen. Dazu ist ebenso widersinnig wie die Beschimpfungen „Warmduscher" und „Wichser", denn wen sollen solche Allgemeinheiten noch diskreditieren?

Wer die Lüge nicht erträgt, erträgt auch die Wahrheit nicht. Denn die Wahrheit ist: Menschen lügen. 

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