myrego - Das regionale Stadtmagazin für Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf
Der Berg ruft
Was treibt einen Teltower in die große, weite Welt und was erlebt man als Rucksacktourist wirklich? Marcel Eichenseher erfüllte sich seinen Traum und reiste 363 Tage lang als Rucksacktourist durch Südamerika. Während dieser Zeit berichtet er seine Eindrücke und Erlebnisse per Email an die Verbliebenen in der Heimat. Nach seiner Rückkehr entstand dieser witzige und unterhaltsame Reisebericht, in dem er beschreibt was es heißt, alle Verpflichtungen hinter sich zu lassen und ein ganzes Jahr sein persönliches Abenteuer zu leben. Illustriert mit unzähligen bildgewaltigen Fotografien nimmt er den Leser mit auf die Reise. Lesen Sie wöchentlich eine neue Episode aus dem Reisebericht: „Per Email durch Südamerika - Geschichten einer Rucksackreise" (Reiseübersicht).
23. Der Berg ruft!198 Tage unterwegs, Baños - Ecuador, 02-09-2005 ... zuerst lässt er zwei Wochen nix von sich hören und dann hält er es keine drei Tage aus. Ja, ich weiß, aber ich muss da was loswerden - ich habe einen meiner großen Südamerikaträume verwirklicht. Eingeweihte erahnen es vielleicht - ich habe meinen (ersten) Sechstausender gemacht! Wer mit Bergen nix am Hut hat, braucht gar nicht weiter lesen. Thema dieser Mail ist einzig und allein; "Der Berg ruft". Insofern ist dies eine thematische Sonderausgabe an meine geneigte Leserschaft - gratis und exklusiv wohlbemerkt!
Zwei Tage später saß ich mit meinem Bergführer Eloy im Bus und wir ließen uns irgendwo an der Straße bei 4.200 Höhenmetern rausschmeißen. Er (der Berg) zeigte sich in Wolken gehüllt. Drei Stunden ging es quer Feld ein zur Bergsteigerhütte, da Eloy die Nationalparkgebühr von zehn Dollar sparen wollte. Ich hatte "all inclusive" mit ihm ausgehandelt und das hieß einschließlich Transport und anfallender Gebühren. Für Eloy hieß das Bus statt Taxi und das Rangerhäuschen umgehen. War echt gespannt, was da noch kommen würde. Nun denn, an der Hütte auf 5.000 m angelangt, gab es noch was zum Essen und ab in die Heia. Hatte echt so meine Sorgen, ob ich das packen würde - Kondition und Akklimatisation (Höhenanpassung) waren seit meinem Trekken in Peru fünf Wochen her gewesen und seither war ich kaum über 3.000 m gekommen (Ich hab es zwar schon einmal erwähnt, aber die Zugspitze als höchster Berg Deutschlands hat keine 3.000!) Leichte Höhensymptome hatte ich schon, aber irgendwie schien jeder hier in der Hütte ständig auf's Klo zu rennen. 23.00 Uhr ging der Wecker. Mein Puls und der ständige Pinkeldrang hatten bzgl. Schlaf eh anders entschieden. Kurz vor Mitternacht traten wir vor die Hütte, um den Aufstieg zu wagen. Es war eine sternenklare und mondlose Nacht - schwarz und mächtig stand er (der Berg) vor mir und rief wieder. Ich fühlte mich verdammt gut (fast schon Gänsehaut) und in diesem Augenblick wusste ich, dass ich es packen werde. Auf 5.200 m fing der Gletscher an, Schnee war erst über 6.000 m zu erwarten - 900 Höhenmeter Eis! Ich hatte noch nie dicke Plastikstiefel oder Steigeisen getragen oder einen Eispickel in der Hand gehalten. Zeitpunkt und Ort waren sicher nicht besonders günstig gewählt, um das alles im Schein seiner Stirnlampe am Fuße eines Sechstausenders mitten in der Nacht mal auszuprobieren - doch es klappte zunächst ohne Probleme und so kämpften wir uns die 45° durch's Eis. Erste Bedenken kamen so bei 5.500 m. Bei halber Sauerstoffration (5.500 m = 50 % O2) brauchte ich immer öfter eine Verschnaufpause und die Zeit schritt voran. Bis 6.00 Uhr morgens mussten wir es geschafft haben, sonst würden wir Probleme beim Abstieg bekommen, wenn das Eis durch die Sonne weich wird. Auf 5.600 m wusste ich - so hoch warst du (ich) noch nie - ab jetzt ist jeder Meter ein neuer persönlicher Rekord. Doch es wurde die reinste Quälerei. Ich hatte zwar keine Höhensymptome aber die Kondi ließ immer mehr nach. Zwischendurch gab es immer Mal wieder einen tiefgefrorenen Schokoriegel als Energiespender, unser Trinken war uns fast gänzlich eingefroren. Meine Hände waren blau (ohne Handschuh) - ich wusste doch schon immer, dass ich was Adliges in mir habe. In vier meiner Finger war kein Gefühl mehr - ja macht denn hier jeder was er will? Füße? Nun denn, sie waren zumindest noch dran. Irgendwann hatte ich den Gipfel für mich abgeschrieben - Zeit und Kondi würden nicht reichen. So war mein Ziel nur noch die 6.000 m Marke.
Am nächsten Tag fühlten sich meine Oberschenkel an wie ein Negerkuss in der Mikrowelle, kurz bevor man diese ordentlich eingesaut hat. (Ausprobieren! - falls ihr mal Langeweile habt oder auf Diät seid oder es gerade sonst nix zum saubermachen gibt) Auf jeden Fall tat mir alles im Körper weh. Seit zwei Tagen sitze ich nun in Baños, einem kleinen bunten Örtchen am Fuße eines Vulkans, und regeneriere meinen Körper in heißen Quellen. Alle Körperfunktionen sind insoweit wieder hergestellt. ... Skydiving wäre ja auch noch so ein Traum. Ach so, zwei Dinge noch, die ich ständig gefragt werde:
1. Wann komme ich wieder?
2. Katja?
bis denne
24. Om!215 Tage unterwegs, Rio Negro - Ecuador, 19-09-2005 Hare Krishna! Stellt Euch vor, Ihr freut Euch auf den Wunschfilm abends im Fernsehen und zur Auswahl stehen drei wirklich gute Streifen mit Jack Nicholson. Ihr macht es Euch schon mit Chips und Bierchen auf dem Sofa bequem und dann meint der Ansager: "Anlässlich des Todes von XY zeigen wir heute nicht den Wunschfilm, sondern den letzten Film des Verstorbenen." Und Ihr denkt: Was geht denn hier ab? Das hab ich nicht gebucht! Ihr wollt den Apfel und nicht die Birne. Doch siehe da, die Birne schmeckt besser als jeder der drei "Jack-Nicholson-Äpfel". So ungefähr erging es mir, als ich in den Dschungel von Ecuador zu meinen Hare Krishna Brüdern aufbrach. Ich hatte mir so ein paar Vorstellungen gemacht, was mich erwarten könnte und bekam was komplett anderes. Die zwei Wochen, die ich bereits hier bin, beantworten wohl die Frage, wie es mir gefällt.
Der theoretisch vorgeschriebene Tagesablauf in diesem Ashram sieht schlimmer aus als Zwangsarbeit. Von 4.30 Uhr bis 21.30 Uhr volles Programm - angefangen bei der Morgenandacht über Yoga, arbeiten bis hin zur Abendandacht. Die deutsche Sonja, die schon einen Tag länger hier war, meinte nur: "Entspann Dich! Hier leben eh nur noch zwei Krishna Brüder und der Chef davon ist ein 25-jähriger Engländer. Hier passiert vor 8.00 Uhr eh nix und 17.00 Uhr ist Feierabend. Bekehren will dich ganz sicher niemand und das Essen ist einfach nur toll."
Jedoch ließ ich es mir nicht nehmen, den religiösen Veranstaltungen beizuwohnen (wann bekommt man so was schon geboten?). Anschließend skizzierte mir der Guru einen Vorschlag für meine Weiterreise mit Stationen in sämtlichen Krishna-Zentren der noch folgenden Länder. Für alle Fälle bekam ich auch noch seine Emailadresse. Beim Thema Guru fällt mir gerade ein, wer mal wieder ein richtig lustiges Buch lesen will, sollte sich "Meine Freundin, der Guru und ich" holen. Das Buch handelt von Rucksacktouristen und bekommt von mir das Prädikat „besonders empfehlenswert!" Nun denn, mein Guru reiste am nächsten Tag weiter und seither halte ich hier mit fünf Krishna-Brüdern die Stellung. Obwohl es wirklich ein Ort zum hängen bleiben ist, werde ich wohl übermorgen weiterziehen. Der halbe Weg meiner Reise liegt noch vor mir und die Zeit rennt mir davon (sieben der zwölf Monate liegen bereits hinter mir). Meine Station hier im Vrindavan Ashram ist jedoch schon jetzt etwas ganz Besonderes.
bis denne |
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