myrego - Das regionale Stadtmagazin für Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf
Blitze-Abend auf dem Maracaibo-See
Was treibt einen Teltower in die große, weite Welt und was erlebt man als Rucksacktourist wirklich? Marcel Eichenseher erfüllte sich seinen Traum und reiste 363 Tage lang als Rucksacktourist durch Südamerika. Während dieser Zeit berichtet er seine Eindrücke und Erlebnisse per Email an die Verbliebenen in der Heimat. Nach seiner Rückkehr entstand dieser witzige und unterhaltsame Reisebericht, in dem er beschreibt was es heißt, alle Verpflichtungen hinter sich zu lassen und ein ganzes Jahr sein persönliches Abenteuer zu leben. Illustriert mit unzähligen bildgewaltigen Fotografien nimmt er den Leser mit auf die Reise.
Lesen Sie wöchentlich eine neue Episode aus dem Reisebericht: „Per Email durch Südamerika - Geschichten einer Rucksackreise" (Reiseübersicht). 29. Blitze-Abend auf dem Maracaibo-See267 Tage unterwegs, Ciudad Bolivar - Venezuela, 10-11-2005 Hallöchen alle zusammen!So, ich schreibe jetzt diese blöde Mehl zum zweiten Mal. Wir hatten hier gerade ein Donnergewitter mit sintflutartigen Regenfällen und der Strom in der Stadt wurde deshalb sicherheitshalber abgeschaltet. Prompt lag alles im Dustern. Als Erstes schloss der Betreiber das Internetcafé ab, damit auch ja keiner flitzen geht und dann gingen jede Menge Auto-Alarmanlagen los. Könnte sein, dass bei meinem zweiten Mehl-Versuch etwas von der "Dynamik" verloren geht ...
Zum Thema, wo es die schönsten Frauen gibt, sag ich lieber nix mehr - ich müsste eh meine Meinung immer wieder revidieren. Meiner Einschätzung nach gibt es hier zwei Kategorien Frauen: Schattenspender der Extraklasse oder welche, die aussehen wie frisch aus einem Musik-Video-Clip entsprungen.
Doch auch Coro liegt mittlerweile hinter mir. In einer 20-stündigen Busfahrt inklusive Schockfrostung durch die Klimaanlage, ging es nach Ciudad Bolivar im Zentrum des Landes. Hab mich hier in einer deutschen Unterkunft einquartiert und suche nach Möglichkeiten, um mit einem Flugzeug noch weiter in den Süden, zum höchsten Wasserfall der Welt (fast ein Kilometer hoch) und mitten im Dschungel gelegen, vorzudringen.
Ihr wisst also Bescheid. 30. Wasserfall - Berg - Insel279 Tage unterwegs, Isla Margarita - Venezuela, 22-11-2007
Hallo alle zusammen!
Nach all diesen Wasserfällen stand mir mal wieder der Sinn nach körperlicher Ertüchtigung - man könnte ja sonst meinen, das wäre hier der reinste Erholungsurlaub. So hatte ich mir den Trek zum und letztendlich auch auf den Mt. Roraima im Südosten des Landes ausgesucht. Mal kucken, was so noch geht im zweiten Lebensdrittel. Ich konnte mich kaum noch an Salzränder im T-Shirt erinnern, oder daran wie das Gemisch aus Schweiß und Sonnencreme in den Augen brennt. Schwitzen ist, wenn der Körper weint - und ich wollte meinen Körper mal wieder so richtig zum heulen bringen. Ich sehnte mich nach sonnenverbrannten Waden und Unterarmen sowie Hitzebläschen im Gesicht. Ich wollte mal wieder abends erschöpft im Zelt liegen und mir das Gesäß abfrieren, Muskelzuckungen in den Beinen spüren oder Schulterschmerzen vom harten Boden. Ich wollte mal wieder verlassen irgendwo da draußen sein, vor Quälerei "Stuhlgang" in den Himmel schreien und mich fragen, warum ich mir das antue. Schluss mit diesem Schluffi-Reisen - Bus, Taxi, Hotel, Cola-Rum... Ich brauchte eine Herausforderung - ich wollte den Schmerz! Das war zumindest der Plan.
Auf dem Berg selbst verbrachten wir jedoch zwei Nächte, denn so einen 2.800 m hohen Tafelberg hat man ja nicht alle Tage. So einen Berg muss man sich wie einen riesigen steinernen Schokoriegel in der weiten Steppenebene vorstellen. Die senkrechten Flanken erheben sich 800 m aus dem Umland und insgesamt sind 1.700 Höhenmeter vom Startpunkt bis zum Gipfel zu bewältigen. Bis kurz vor der senkrechten Bergwand sucht man einen Lift, doch dann erkennt man einen schmalen Pfad und im körpergegebenem Allradantrieb geht es die Wand hinauf. Oben angelangt, erblickt man eine mehrere Kilometer große, zerklüftete Ebene aus Fels. Hier gibt es Boofen(!) und Höhlen, Wasserpools, Flüsse, jede Menge Bergkristalle und kleinere Pflanzen, die mit all dem irgendwie zu recht kommen.
Wieder auf dem Rückmarsch war unser Guide stolz wie Bolle und musste jedem von seiner Heldentat (26 km, 1.700 Höhenmeter mit Gepäck in sieben Stunden) berichten. Als Reaktion kam meistens eine ganze Weile gar nix, gefolgt von Kopf schütteln und der Frage woher denn diese Gringos kämen, um in Zukunft vor unseren Nationen gewarnt zu sein. Zusammengefasst waren der Trek und die Landschaft einfach fantastisch und ich fühlte mich selten so gut. Mein ursprünglicher Plan vom Schmerz war jedoch nicht ganz aufgegangen. Als es dann im Jeep die zwei Stunden zurück durch die Savanne zur Stadt ging, der warme Wind über den verschwitzt staubigen Körper wehte, Musik von Shakira aus der Anlage erklang und die Natur mal wieder einen dieser grandiosen Sonnenuntergänge präsentierte, stand mir echt das Wasser in den Augen. So perfekt war der Moment und all meine Wünsche und Bedürfnisse vom Leben waren erfüllt. (Schon verrückt, was die körpereigene Biochemie so alles auf Lager hat.)
bis denne |
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